17.9.2017, Sonntag, Point Roberts, Washington, USA, Tag 117

Mache gegen 8 Uhr meine Jalousien hoch, sehe in einer gewissen Distanz 2 Männer, die sich mit Pylonen (den kegelförmigen Hütchen zur Absperrung im Straßenverkehr) beschäftigen. Als einer der beiden auf mein Auto zukommt, ahne ich Böses. Bekomme ich jetzt ein „Ticket“ (Strafmandat)? Glücklicherweise macht mich der sehr freundliche Security-Mitarbeiter nur darauf aufmerksam, dass ab 10 Uhr dieser Bereich des Parkplatzes für Film-Aufnahmen gesperrt wird. Er bittet mich, in der nächsten Zeit mein Auto an eine andere Stelle zu bewegen. Kein Problem. Habe ohnehin vor, in dem nahegelegenen Kommunalen Zentrum die „Hygiene-Anlagen“ zu testen. Mit (großem) Erfolg: Die in der iOverlander-App erwähnten heißen Duschen sind großartig! Kann mich kaum losreißen!

Anschließend fahre ich erneut zum Strand, um zu frühstücken. Habe nicht allzu viel Zeit, da ich um 10:30 Uhr in meinem Vancouver-Stadtteil „West Point Grey“ in der gestern zufällig erblickten Kirche den Gottesdienst erleben möchte.

Finde es schon erstaunlich, dass derartige Informationen auch in chinesischer Sprache kommuniziert werden. Bin ja hier eigentlich nicht in China-Town.

IMG_2421Der 1 ½ -stündige Gottesdienst ist sehr interessant, da dort auch das Thema Flüchtlinge behandelt wird. Auch weitere Themen, wie „unser Land“, mit vielen aussagekräftigen Power Point Fotos – sehr politisch, super!

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Auch das Thema „Vergebung“, mit Beispielen aus nationaler und internationaler Politik:

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Genau so stelle ich mir einen guten „Service“ vor: Mit einer Verbindung zum normalen (politischen!) Leben!

Im Anschluss werden alle Gottesdienst-Besucher zu einem Lunch im Gemeindesaal eingeladen. Die Pastorin, die mich bereits am Eingang freundlich begrüßt und mich als Touristen wahrgenommen hat, stellt mich einer netten jungen Frau vor, die recht gut Deutsch spricht. Die Musikerin, die sich gerade auf die letzte Promotions-Prüfung vorbereitet, ist mit einem Bayern liiert (der jedoch leider nicht anwesend ist). Nach dem Essen lade ich sie – wie könnte es anders sein – zum Frühstück ein. Ob ich von ihr höre?

Dann führt mich mein Weg in die Bücherei, wo ich – wie immer – die Möglichkeit habe zu telefonieren (mit Kordula, Daina und Paul) – fast 1 ½ Stunden.

Auch hier, wie bereits erwähnt, wie an vielen Stellen, werden die „Neu-Kanadier“, die aus China-Kommenden, sehr hofiert.

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Dann entscheide ich mich Kanada zu verlassen, in die Vereinigten Staaten zu reisen. Hört sich gewaltig an, ist aber nur ein „Katzensprung“, über die Grenze, nach Point Roberts, der besonderen kleinen Stadt am Ende der Welt, siehe obere Karte.

Wie man hier sieht, führt nur eine Straße dorthin. Ansonsten gibt’s nur Rundherum Wasser. Es ist quasi eine Insel, für die ca. 1.000 Bewohner nicht einfach dort zu leben, da es gewisse Grundversorgungseinrichtungen, zum Beispiel Ärzte, in dieser Enklave nicht gibt. Dann müssen sie nach Bellingham (etwas südlich von Ferndale) fahren, 2 Grenzen passieren, sind mindestens 1 Stunde unterwegs.

Von der Strecke her ist es wie gesagt sehr einfach und unspektakulär. Das, was sich abenteuerlich gestaltet, ist meine Grenzerfahrung: Der U.S.-Beamte, dem ich zunächst meinen Pass aushändigen muss, ist so, wie ich auch seine Kollegen an den verschiedensten Ecken der Welt kennengelernt habe: Grimmig, sehr ernst. Er ist sich der Bedeutung seiner hoheitlichen Aufgaben sehr bewusst, muss, wie ich es auch auf Schildern lesen kann, sein Land schützen, dafür sorgen, dass Reisende seinem Land keinen Schaden zufügen. Dafür habe ich natürlich das größte Verständnis. Insofern auch seine vielen, teilweise kuriosen Fragen: Hast Du Schusswaffen oder Sprengstoff dabei? Warum willst Du nach Point Roberts fahren? Warum ist das deutsche Auto nicht in Deutschland? Wieviel Geld hast Du dabei? Hast Du ansteckende Krankheiten? Hast Du Lebensmittel im Auto? So, und genau da liegt „der Hase im Pfeffer“. Auf letztere Frage habe ich dummerweise(!) nicht die absolute Wahrheit gesagt. Ich wollte einfach nur schnell weiter. Doch dem pfiffigen Beamten ist klar, dass ich mit einem Reisemobil unterwegs bin, dass sich darin möglicherweise doch Lebensmittel befinden können. „Bitte mach die Warnblinkanlage an, fahre auf die Spur 1, parke Deinen Wagen, gehe ins Gebäude und melde Dich bei meinem Kollegen“. Ich werde etwas nervös. Was sich noch etwas steigert, als ich gebeten werde meinen Autoschlüssel auszuhändigen. „What do you want to do?“ „I will check your car!“ „Kann ich Dich begleiten?“ „Nein!“ Er bleibt lange Zeit verschwunden. Was tatsächlich ca. 30 Minuten dauert, kommt mir vor wie Stunden. Grundsätzlich habe ich kein schlechtes Gewissen, da ich ja ganz sicher keine Terror-Ausrüstung an Bord habe. Habe jedoch unter anderem etwas Angst, dass er die Schubladen und Schränke, die ab und zu etwas haken, nur mit kleinen Tricks zu öffnen sind, beschädigt. Dann kommt der bewaffnete Uniformierte zurück, mit einem für ihn offensichtlichen Erfolg: Mit ebenfalls grimmigen Blick präsentiert er mir 2 Apfelsinen. „Es ist verboten, diese Orangen in die U.S. einzuführen!! Und Du hast angegeben, dass Du keine Lebensmittel dabei hast! Tatsächlich ist Dein Kühlschrank voll, es befinden sich auch noch weitere Vorräte im Auto!“ Ich bitte ihn extrem freundlich dieses „Missverständnis“ zu entschuldigen. Glücklicherweise zeigt er sich von seiner großzügigen Seite, macht mich darauf aufmerksam, dass bei einem erneuten Verstoß gegen die U.S.-amerikanischen Gesetze mit einer Strafe von 300 Dollar rechnen muss. – Die Gedanken, die mir in diesem Augenblick durch den Kopf gehen, möchte ich an dieser Stelle eher nicht „beschreiben“. Wer weiß, wer in unserem digitalen Zeitalter an meinem öffentlichen Tagebuch interessiert ist … Sollte ein amerikanischer Staatsschützer diese Zeilen lesen: „Hey guy, ich werde mich in Zukunft auf jeden weiteren Grenzübertritt vorbereiten, werde bemüht sein, uns allen möglichst wenig Arbeit und Aufwand zu bereiten.“ (Doch vielleicht ist dieses Anliegen kontraproduktiv, vielleicht freuen sich die professionellen Detektive über eine Chance, in fremden Autos, in Taschen, in Bekleidung, an fremden Körpern zu schnüffeln. Und wenn sie dann eine Apfelsine, die im Übrigen in Kalifornien geerntet und von dort nach Kanada exportiert wurde, beschlagnahmen, können sie aufgrund ihrer erfolgreichen Arbeit mit einer Prämienzahlung oder sogar mit einer Beförderung rechnen.

Ich komme mit einer Verwarnung davon und kann weiterfahren. Nach kurzem Check sehe ich keine Tür- oder Klappendefekte.

Point Roberts: Eine ganz merkwürdige Atmosphäre empfinde ich beim Durchfahren des kleinen Ortes. Viele Schilder an Häusern weisen auf die „Aufgabe“ der Einheimischen hin. In einem Pub direkt am Meer trinke ich ein Bier, frage, ob ich dort mein Auto die Nacht über parken kann. Kein Problem! So kann ich noch ein Bier trinken, das ganz gute Internet für ein Telefonat nutzen.

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